Schnell-Abitur weckt Zweifel
-gir- Ibbenbüren/Kreis Steinfurt. Unsere Kinder sind in mancher Hinsicht Versuchskaninchen
schimpfte eine Mutter und forderte unter Beifall, endlich bessere Rahmenbedingungen zu schaffen.
Denn die fehlen nach Ansicht vieler Eltern immer noch, um das Ziel Abitur nach 12 Jahren zu
verwirklichen, ohne die jetzigen Unterstufen-Schüler zu benachteiligen und zu überfordern.
Mehr als 400 Eltern aus dem gesamten Kreis waren am Montagabend ins Ibbenbürener Bürgerhaus
gekommen, um mit Experten und Politikern über das Thema zu diskutieren. Eingeladen hatte die
Initiative Schulen aktiv, ein Zusammenschluss von Eltern aller 15 Gymnasien im Kreis.
Warum gibt es immer noch keine neuen Kernlehrpläne und keine neuen Schulbücher?, Was passiert,
wenn 2013 gleich zwei Abiturjahrgänge auf den Markt drängen?, Warum gibt es keine vernünftige
Über-Mittag-Betreuung mit Essen und Ruhemöglichkeiten?, Warum können die Schulbusse nicht besser
auf den Nachmittagsunterricht reagieren?: Die meisten Fragen der Eltern (größtenteils von Schülern
der Klassen 5 und 6) drückten auch eine gehörige Portion Misstrauen und Zweifel aus, ob die kürzere
Schulzeit denn wirklich ein Fortschritt sei. Ungläubig die Reaktion, als Reinhard Aldejohann,
Abteilungsdirektor bei der Bezirksregierung, behauptete, große Schülerzahlen in einer Klasse hätten
nachweislich keinen nachteiligen Einfluss auf den Unterricht. Die Hoffnung auf kleinere Klassen,
so stellte sich heraus, ist in absehbarerer Zeit nämlich nicht zu erfüllen. Nicht sehr befriedigend
fiel auch die Antwort von Ingrid Hesekamp auf die Frage nach dem Doppel-Abi-Jahrgang aus: Dasselbe
Problem gebe es auch in anderen Bundesländern.
Zehn Prozent mehr Unterricht, aber nur ein Prozent mehr Lehrer, rechnete ein Vater vor und befand:
Da muss noch was kommen. Josef Wilp, Landtagsabgeordneter der CDU, verwies auf die 4000 Lehrer,
die das Land bereits eingestellt habe und machte wenig Hoffnung auf mehr: Ich werde nichts
versprechen. Er versprach aber, sich dafür einzusetzen, dass Schulbau-Mittel künftig nicht
gekürzt würden, sondern für die Umstrukturierung der Schulen genutzt werden können. So etwa
für Räume, in denen Mittagessen angeboten werden kannsie es derzeit nicht gebe, wie Eltern
klagten. Heinz Steingröver, als Bürgermeister Ibbenbürens Vertreter eines Schulträgers,
gab sich skeptisch, ob hier tatsächlich Handlungsbedarf bestehe. In vier bis fünf Jahren
würden demografiebedingt ohnehin Räume frei; bis dahin müsse man eben Übergangslösungen
findeneine Aussage, der Andreas Tangen, Leiter des Goethe-Gymnasiums Ibbenbüren, sogleich
entschieden widersprach. Überhaupt zeigte er viel Verständnis für die Sorgen der Eltern,
etwa der, dass die Kinder noch nicht reif genug seien, wenn sie künftig schon mit 17 Jahren
(frühere Einschulung plus kürzere Schulzeit) Abitur machten. Die Anfangsphase an den überfüllten
Unis werde für die Jung-Abiturienten extrem schwierig. Ich bin da nicht so optimistisch, meinte
er und empfahl, ein Gap-year nach US-Vorbild, also ein freiwilliges Überbrückungsjahr.
Das wiederum sorgte für Raunen im Saal: Warum dann überhaupt die Schulzeit verkürzen?
Zwei Schüler, die miteinander telefonieren, um sich zu verabredenvergeblich, weil Stundenplan
und Termindruck keine Zeit dafür lassen: Dieser zur Auflockerung der Diskussion gedachte
Sketch verstärkte die Bedenken vieler Eltern. Kann man sich nach sieben Stunden überhaupt noch
auf eine achte konzentrieren, fragte ein Vater und erhielt von Aldejohann zur Antwort, dass eine
60-minütige Mittagspause eindeutig festgelegt sei. Im Übrigen empfahl er, auch den Samstag für
Unterricht zu nutzeneine Entscheidung, die jetzt in der Macht der Schulkonferenz liege. Was wird
getan, damit Lehrer neue Unterrichtsmethoden einsetzen? wollte ein Vater wissen und wurde mit
dem Hinweis auf das enorme Programm der Lehrerfortbildung beruhigt.Meine Sorgen sind jetzt
größer als vor dieser Veranstaltung, gestand am Ende eine Mutter und erhielt Rückendeckung
von Andreas Tangen: Dieselben Sorgen haben wir auch. Allerdings gebe es keinen Grund zu
verzweifelnEltern und Schule müssten nur enger zusammenrücken.
Mittwoch, 15. November 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten / Steinfurter Kreisblatt (Steinfurt)